VN: Wortgewandt und provokant (1. TV Poetry Slam)

Quelle: vn.at/kultur/2017/07/10/wortgewandt-und-provokant.vn
von Miriam Sorko

Beim Poetry-Slam gab es tragische Texte, Wortwitz und viel Kritik zu hören.

Feldkirch. Ein Mikrofon, ein Christkind-Glöckchen und ein vor Enthusiasmus schwitzendes Publikum fand man im ehemaligen Hallenbad vor. Es wurde gelacht, gerappt und Gesellschaftskritik geübt. Die Moderatoren Markus Köhle und Doris Mitterbacher alias Mieze Medusa, die selbst zu den Urgesteinen der Szene gehören, führten die Zuhörer als Moderatoren wortgewandt durch den Abend. „Der Poolbar-Slam hat damals ganz klein angefangen unten im Pool, mittlerweile sind die Veranstaltung und auch das Festival riesengroß geworden“, erklärt Mieze Medusa.

Ländle Slam

Poetry-Slam ist ein literarischer Wettbewerb, bei dem es darum geht, das Publikum durch Texte um den Finger zu wickeln. Die aus den USA stammende Veranstaltungsform entstand vor rund 30 Jahren. Seitdem findet der Poetry-Slam immer mehr Anhänger. „Es ist eine logische Entwicklung, dass wir heuer die Meisterschaften zwischen Tirol und Vorarlberg veranstalten. Sonst haben wir immer Gäste aus Deutschland oder der Schweiz geholt, aber mittlerweile ist die Poetry-Slam-Szene so groß, dass wir die guten Leute locker aus der nächsten Umgebung holen können“, sagt Papa-Slam Köhle. In Vorarlberg formierte sich der Verein „Ländle Slam“, der 2018 die österreichischen U20-Poetry-Slam-Meisterschaften ausrichten wird. „Die Slam-Szene bildet eine frische kulturelle Alternative, die neue Perspektiven aufwirft. Beim Poetry-Slam kann man einem breiten Publikum Gesellschaftskritik näherbringen“, meint Finalistin Sara Bonetti.

Wortspiele

Die zehn Kandidaten hatten nur fünf Minuten und dreißig Sekunden Zeit, um mit ihren wortgewaltigen Texten zu überzeugen. Fünf Slammer traten für Vorarlberg an, vier für Tirol und einer für Südtirol. Mithilfe eines Christkind-Glöckchens werden die Slammer an ein Überschreiten der Zeit erinnert. Sechs Zuschauer wurden willkürlich als Jurymitglieder aus dem Publikum ausgewählt und mit Punktetafeln ausgestattet. Die Themen reichten von Donald Trump, Fake-News, Feindbilder bis zu einem Text mit Titel „Ich werde Deutscher“. Ania Viero, die aus Südtirol stammt, überwand Sprachbarrieren und befasste sich auf mitreißende Art mit dem Vorarlberger Dialekt. Ein Zelt, das sich in eine 40 Grad heiße Mikrowelle verwandelt, ein Traum, in dem er sich selbst als Grillspieß wiederfindet und mit vielen Festival-Benimmregeln befasste sich der viertplatzierte Dario Sieber in seinem Text über seine Eindrücke vom Frauenfeld-Festival, das er vor der Veranstaltung besuchte. In der Finalrunde widmete er sich seiner Heimatstadt Lindau und verpasste der Landflucht eine neue Dimension. „Als Jugendlicher geht man in Lindau am Abend nicht aus, sondern eher ein.“ Auf Mondgestein spazieren ging die drittplatzierte Dornbirnerin Sara Bonetti in ihrem Text über den Mann im Mond: „Du hältst dich für den großen Scheiner, doch großer Leuchter bist du keiner.“ Dass das Leben eigentlich doch ganz schön sein kann, versuchte Bastian Vogel den Zuschauern mit einem Mitmachtext in der Finalrunde näherzubringen. In der Vorrunde löste er mit „Man of the Midnight“, in dem ein Vater, zum Missfallen seiner Tochter, in einer Disco seine Tanzkünste zum Besten gibt, Lachanfälle beim Publikum aus. Vogel konnte den zweiten Platz erreichen.

Keine Grenzen und Sprachbarrieren kennt der Tiroler Stefan Abermann, der in der Vorrunde mit seiner eigenwilligen Interpretation eines Touristenführers eine Höchstwertung erzielen konnte. In der Finalrunde redete sich der Sieger des Abends als Wutbürger in Rage: „Der Mensch ist gut darin, Feindbilder zu erschaffen, eher schlecht ist der Mensch darin, Feindbilder zu benennen, die es auch wirklich verdienen.“ Fahrradfahrer wurden als Massenvernichtungswaffen des Verkehrs dargestellt, aber auch an den alten Autofahrern wurde kein gutes Haar gelassen. Bei diesem Dichterwettstreit ist verbal fast alles erlaubt, nur müssen die Texte aus der eigenen Feder stammen.

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